Essays

Der Blitz kam aus dem Zeitungsroman

Geizig, wie Mütter sein können, hatte meine seit ihrer Schul­zeit nie mehr ein Wort gelesen. Bücher, Zeitschriften, Zeitun­gen hielt sie wert und teuer. 1945: Deutschland war kaputt, Bü­cher waren noch wertvoller geworden. Es gab sie kaum. Inmitten von Trümmern erschien die "Tägliche Rundschau", die Zeitung der sowjetischen Besatzungsmacht.
Ich hatte meine Mutter überredet: Da stehen Meldungen drin. Es gibt Heringsköpfe auf Fleischmarken. Ohne Nachrich­ten, ohne Worte verhungern wir. Mir wäre jede Geschichte recht gewesen, um Buchstaben in Kopf und Bauch zu bekommen. Wer liest, über­lebt. Wer Geschichten erfindet, sie verbreitet, wer sie hört, lebt länger. Meine Mutter abonnierte die Zeitung.

Der Blitz kam aus dem Zeitungsroman. In der "Täglichen Rund­schau" erschien Theodor Pliviers Roman "Stalingrad". Das war keine Heldensaga nach großdeutschem Muster, kein Geschichtsbil­derbogen, keine Kriegsberichtserstattung. Diese Seiten wölbten sich, drangen in die Seele ein, aufs Rad geflochten: Stöhnen und Ächzen, Blut und Verderben. Ein genau kalkulierender Erzäh­ler, würde Hermann Lenz, der Mann des "Russischen Regen­bogen", der atmosphärischen Geschichtsschreibung, hier wohl sagen: "In Frontbreite betrat der Tod die deutschen Stel­lungen." Eine für den Diktator sinnlos geopferte Armee. Der Heldentod meiner

Verwandten aus dem Dorf Grabsleben bei Gotha: umsonst. Das nahm ich Hitler übel. Ich, zwölf Jahre alt, Standgericht. Doch, seine Propaganda, Goebbels Kas­ka­den, das waren Public Relations in Vollendung gewesen, die Volksge­meinschaft war darauf hereingefallen. Hunger, wird stets am be­sten durch große Worte gestillt. Für mich: Cannae. Auch ich, von diesen Lügen aufgespießt. Gefangen in Goebbels' Netz. Als ich ein Leser blieb, lebenslang, blitzte es bald her­über: "Der größte Lump sitzt obenauf." Ein zweites Mal würde das keiner mit mir machen. Ich würde schreiben, sagen, was ist. Jeden Tag: ein Blitz, Plivier auf Zeitungspapier.
Es ist, wenn man schreibt, wie mit Kindern, die in die Welt spazieren. Plivier war bei mir angekommen: "Stalingrad". Unter der sowjetischen Besatzungsmacht hatte er mich ge­troffen, im Zeitungsroman. Als der erste Sherman-Panzer vor meinem Haus stand, Kornmarkt 7, Langensalza in Thüringen, war ich besiegt worden. Nach "Stalingrad", den Dokumentarbänden der "Nürnberger Prozesse", der Broschüre über das KZ Buchenwald war ich befreit worden. Die Wahrheit aus dem Papier. Happy re-education. "Von den Pimp­fen zum PEN", habe ich einmal meinen Beitrag in einem Proto­kollband deutscher Schriftsteller überschrieben.

Ich, der Junge, zwangsweise für Hitler als Pimpf den rechten Arm gehoben, dem Krieg davongekommen, dem Tod so oft von der Schippe

gesprungen, in vielen Terrornächten in Gelsenkirchen-Buer, von Jabos über die Felder bei Langensalza gejagt, ich, der Zeitungsleser nach dem großen Krieg in Europa.

Pliviers "Stalingrad" teilte die Zeit für mich ein, die Sekun­den, Stunden, Tage, es zählte nur die Welt, die aus dem Zei­tungsroman kam. Ich wußte nicht, was es war. Ein Schriftstel­ler, ein Mensch, der die Welt sah, ohne reisen zu müssen, der im Großen das Kleine fand, im Prisma wie im Brennglas, die Men­schen, das Leben erfaßt, das Sterben, Stöhnen, Frieren, die Knochen, die im Tod krachten, splitterten, den Heldentod begru­ben, die Lügen entlarvten, Goebbels' Kopf, skalpiert, im Zei­tungsroman, in "Stalingrad". Ich wurde ein Schreiber, und merkte es nicht. "In Frontbreite betrat der Tod die deutschen Stellungen". Literatur entsteht im Einatmen, Ausatmen, notierte Wolfgang Weyrauch, beiläufig. Lebte er noch, könnte er Goethe zitieren.
"Stalingrad", das war Wahrheit, Literatur, das Leben. Nicht die Berichte im Rundfunk, in der Wochenschau, im Kino. Heute kaum vorstellbar, Lothar-Günther Buchheim, als Kriegsberichterstat­ter an den Fronten dabei. Auch mein Freund Wolfgang Weyrauch hatte für Goeb­bels in "Das Reich" geschrieben. Karl Korn, der meine frühen Gedichte und Erzählungen in der FAZ druckte, war dort verant­wortlicher Redakteur gewesen. Nur, das stellte ich erst viel später fest. Wer beim Lesen zu spät kommt, den be­straft die Ge­schichte. Die Erwach­senen, Überväter, Übermütter, Lehrer,

Pfar­rer, Pimpfenführer hatten mich belogen. Die bürger­li­che Kultur ging in Rauch auf. Horst Bingel, ein Zwölfjähri­ger, stieg aus dieser Ge­sellschaft aus. Mein Eroberungs­feldzug begann. Wer liest, ver­gißt. Wer liest, fliegt. Der Wille zur Li­teratur.

Langensalza, 1945 - ich war aus dem Ruhrgebiet in die Heimat meiner Mutter evaku­iert worden - wurde meine zweite Geburt. Pliviers "Stalingrad", die Protokollbände der "Nürnberger Pro­zesse", eine illustrierte Broschüre über das KZ Buchenwald stellte ich neben Schiller und Goethe, Kant und Nietzsche. Die Reclamhefte bekamen Zuwachs. Ich fand es in Ordnung, daß Nazi­lehrer entlassen, daß im Zuge der Bodenreform die Junker ent­eignet wurden.
Thomas Müntzers Kopf, sein Bauch saßen in mir, ohne daß man mir nur beigebracht hätte, daß er gelebt hatte. Er, umsonst gestor­ben? Wo er gekämpft hatte, hatte ich die braune Pimpfenkleidung tragen müssen, nun sollte ich die blaue FDJ-Uniform anziehen.

Plivier hatte für mich geschrieben. Wie schützt man sich vor Literatur? Die Blitze, 1945, aus Pliviers Roman, tobten über Deutschland. "Die Menschheit hat ein großes Problem, daß sie ihre Mittel perfektioniert, aber nicht weiß, wo das hinführt", hatte Albert Einstein ange­merkt. Goebbels hatte die Public Re­lations entwickelt, Hitler einen unsäglichen Krieg begonnen,

Deutschland war zerstört. Die Atombombe, eine Zäsur. Im näch­sten Weltkrieg würden die Mächtigen, die Auslöser, auch unter den Toten sein. Die sowjetischen Be­sat­zungsoffiziere brachten Pliviers "Stalingrad" in die "Tägliche Rundschau", und ich hatte einen Traum: Literatur.
"Mann, in der Kunst gibt es keine Grenzen", sagte Charlie Par­ker, als in den vierziger Jahren der Bebop kreiert wurde. Das Schlagzeug, plötzlich das Melodieinstrument. Der Blitz hatte den Jazz erreicht. Der Swing gehörte längst den Weißen. Die neuen Harmonien wieder den Schwarzen. Der Zweite Weltkrieg hatte den Jazz getroffen. Mit einem Schlag keine Bigbands mehr. In New Yorks kleinen Kellern entstand blitzartig eine neue Kunstgattung, die Emanzipation des schwarzen Amerika, die
Rüc­keroberung des Jazz.
Nichts, fast nichts behält man im Leben lange allein. Ich sah: Panik in New York und vielen anderen amerikanischen Städten. Die USA in Todesangst. "Hilfe. Invasion aus dem All." Fremde Wesen im Land. Orson Welles hatte am 30. Oktober 1938 H.G.Wells Roman "Krieg der Welten" dramatisiert und via CBS den Hörern ins Ohr geschickt. Die Utopie, Fiktion war real gewor­den. Der Blitz hatte eingeschlagen. Mir blieb vorerst mein singuläres Er­eignis, das Zeitungspapier, ganz unschuldig, war zu mir nach Langensalza gekommen: Plivier sprach mit mir. Orson Welles kam später, nach dem Krieg, aus dem Radio, in Hochstadt am Main, als ich Lehrling im Verlagsbuchhandel war. Direkt aus dem Volksempfänger, mit dem

vorher der Führer Goebbels' laute, schreiende Stimme über die Deutschen geschickt hatte.

Mae West besuchte nach dem Tod ihrer Mutter spiritistische Sit­zungen, um mit ihr Kontakt aufzunehmen. Die Helden meiner Mut­ter rütteln gerade in Reemtsmas "Wehrmachtsausstellung" an deutschen Tischen. Einer Ausstellung, deren gravierende Einsei­tigkeit - bereits im apodiktischen Titel, "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" - jedoch notwendig war, weil es mit der weitverbreiteten Legende einer "sauberen Wehr­macht" ein Ende haben mußte, schon um des Seelenfriedens der Väter und Großväter willen, die jetzt endlich reden konnten, so oder so. Was reitet jedoch einen Historiker wie Lothar Gall, wenn er es merkwürdig findet, "daß die Wehrmachtsausstellung nicht danach fragt, was im Krieg zur Entmenschlichung vieler Menschen ge­führt hat." Seit dem Al­ten Testament wissen wir: diese Frage ist nicht zu beantworten. Der Mensch ist gut und böse. "Die Verfassung des Lebens selbst ist durchzogen von Wi­der­spruch und muß daher unheilbar ambivalent bleiben", führt Zyg­munt Baumann diese Linie bis heute weiter.

Er hat einmal von der "Fragmentierungsmacht der Experten" gesprochen, die sich selbst aufhebt. Oswald Wiener, der Schriftsteller, wußte schon 1969: "achtung. was besteht, ist veraltet." Kurz darauf machte er in Berlin eine Kneipe auf.

Ich habe auch das nie vergessen. Ein schöner Abend. Links, neben mir, mein Sohn. Und erst un­längst ermahnte Richard Rorty seine Philosophenkollegen, vom "Narzißmus der kleinsten Differenz" abzulassen. Wir sind un­vollkommen, und das steht uns doch gut, meinte wohl schon Ein­stein und streckte seine Zunge raus. Was bleibt, stiften Ge­schichtenerzäh­ler.
Also, Gall ein Beckmesser. Gall, der weiß: "Kein Mensch vergißt den Nationalsozialismus." "Jeder kennt das Frankfurter Goethe­haus", wissen die Japaner. Nur, zur selben Zeit demonstriert die Rechte täglich vor der Ausstellung. Plivier, unvergessen.

"Nur keine Experimente", damit konnte man zur Adenauerzeit Wah­len gewinnen. Das war ein bißchen wie Baldwin, "Sicherheit über allem", ein wenig zeitversetzt. Die Adenauerzeit, eine Phase, die alles in allem gut und wich­tig war, weil sie keine unüber­windlichen Gräben zwischen den Generationen aufriß und statt­dessen die Menschen versöhnte, das Land befriedete und im Wie­deraufbau die parlamentarische Demo­kratie festigte. Adenauer, der Autokrat, ein Stück Vater, mit dem Vorschlagham­mer. Wieder­aufbau, zu Beginn in Ost und West. Jeden Tag ein Stück Wahr­heit: Plivier im Zeitungsroman, auf dem Papier, das man heute wegwirft, wenn man das Gemüse auspackt. Meine Mutter hatte er­fahren, was Lebens­mittelmar­ken wert waren. Papier, stets gedul­dig: "Stalingrad", entlarvt, der Mythos im Mythos, Völker, deine Heldenstädte, Leipzig, die Signale.

1968, ein Schuß, die Kugel traf Benno Ohnesorg, bei der Demon­stration gegen den Schah. In einer Sekunde wurde die Reaktion, wurde Adenauer-Deutschland beendet. Als Jaruzelskis Militär 1981 die Macht in Polen übernahm, und Moskau das akzeptierte, war diese "nationale Tat" des polnischen Generals das Ende des Sozialismus. Die Macht der Partei war gebrochen. Der Arbeiter­aufstand in Polen hatte die Herrschaft gestoppt. Wäre es ohne den polnischen Papst möglich geweseb? Pelikane kön­nen ohne Flü­gelschlag fliegen, sie segeln, sie stehen manchmal in der Luft. Doch, es ist der Schub, der den Vogel nach vorne treibt. Hub und Schub. Anfang der sechziger Jahre hielten die Deutschen den Tagesschauspre­cher noch für den Regierungsspre­cher. 1968 wurde das Fernsehen blitzartig relativiert, ein Suchtmittel des All­tags, man war einfach "in der Welt".
Ein Schriftsteller löst sich von der Realität, er blickt aus der Höhe eines Adlers herunter, mit Abstand. Das Ergebnis: Theodor Plivier, "Stalingrad". Konrad Adenauer hat einmal einem Journalisten geraten, die Dinge auch von oben zu betrachten. "Alles wird zum besten in der besten der allerbesten Welten." (Candide). Das Kamel am Horizont in der Wüste, begrenzt den Sand nur für einen Moment, einen winzigen Augenblick. Die Grenzsteine der Welt bleiben ungesetzt, im Roman, im Gedicht. Leben ist allein auf dem Pa­pier.
Der Blitz, der aus dem KZ kam: Eugen Kogons "Der SS-Staat" wurde ein Jahrhundertbuch. Bekam er deswegen erst kurz vor sei­nem Tod, vierzig Jahre nach Erscheinen seines Buches einen

Kul­turpreis? "Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt." In meiner Mutter blieb das Dritte Reich erhalten. Bü­cher waren ihr wert und teuer.
Literatur, aus einer Zeitung in mein Leben getreten. Jeden Tag, Stück für Stück: Plivier. Das, was bleibt, hatte mich verän­dert. Meine Mutter hatte nie gelesen, meine Bücher kamen aus ihrem Nachlaß unberührt zu mir zurück: ein Buch ist wertvoll, wenn es gut erhalten ist. Im Antiquariat, in der ewigen, bür­gerlichen Welt. Sie war wie der Erstausgabensammler, der jahr­zehntelang meine Bücher sammelt, sie mir ungelesen zu­schickt und schreibt: "Lange schon bin ich ein begeisterter Le­ser Ihrer Bü­cher." Er wendet sich mit der Bitte an mich, "die beiliegen­den Exemplare zu signieren, bitte nicht widmen, nur signieren". Teehäuser in China sind richtige Häuser, in denen man quatscht und den Tag genießt. Hat dieser Mann tatsächlich geschrieben, er sei ein Leser meiner Literatur und keine Zeile gelesen? Deutschland, 1998. Man zeigt in China seinen Reichtum nicht un­bedingt. Der Erstausgabensammler hat mich in seinen Besitz ein­geführt. Der Blitz aus seinem Briefumschlag. Was aus Büchern werden kann: ein Wirtschaftswunder für Sammler. Laos, das Kö­nigreich der fünfhundert Elefanten, hat man einmal gesagt. "Das Licht ist von den Spiegeln der Sprache umstellt". Stalingrad.

Zurück zum Erstausgabensammler. In diese schöne, klare Welt des Materialismus. Selbst ungelesene Bücher bringen dem Verle­ger,

dem Buchhändler Gewinn, mir Butter und Brot. Nur, im Tod gab meine Mutter ihr nutzlose Geschenke zu­rück. Der Tod reicht der Wahrheit die Hand, der Egomane tritt in den Sozialstaat ein. Was für ein Jahrhundert, in dem Mütter Egomanen sind, Philoso­phen über Philosophen Nüsse knacken, Eunuchen nur mit sich selbst beschäftigt sind. Freitags, beim Fersehkrimi, der Tri­umph im Mittelmaß: Oberinspektor Derrick. Nichts stärkt besser als des Alltags Philosophie. Neun Millionen Zuschauer können nicht ir­ren. Derrick wird geliebt. Der italienische Präsident, beim Staatsbesuch zu Horst Tappert geeilt, zum Händedruck. Deutsch­land, deine Helden. Einsam wacht, ein Reiterstandbild, als Tau­benklo. Der Prophet Hesekiel sah den Cherubwagen. Euri­pides kam als deus ex machina, und da wollten die Herren Daim­ler, Benz und Otto doch tatsächlich etwas erfinden. Hesekiel, der Blitz aus dem Alten Testament. Der gelbe Staub auf deinem Auto, der Schi­rokko kam lange vor Hoechst. Nach dem letzten großen Krieg muß­ten alle früh raus, geworfen, wie sie waren.

In Dörnigheim bin ich als Vierzehnjähriger das erste Mal durch den Main geschwommen. Wenn ich heute dort auf einer Bank sitze, das Tuckern der Kähne im Fluß, spüre ich, vor mir waren Römer hier, ihre Kultur atmet, hier in den Wellen. Als ich Theodor Plivier las, waren die italienischen und spanischen Hilfsdivi­sionen mit Hitlers Armeen längst untergegangen, Caesar jedoch überlebte im Lateinbuch. Napoleon im Völkerschlachtdenkmal.

Meine Mutter hatte mit Pliviers Zeitungsroman, etwas Holz von selbstgefällten Bäumen, die von uns auf den Feldern gestoppel­-
ten Kartoffeln gekocht. Hungerzeiten in Deutschland. Das Ergeb­nis des Größenwahns. Tote, das Ende jeder Gewalt. Egomanen, erst im Himmel sozialisiert. Blitze. Deutschland, vereinigt. Früher, in guten alten Zeiten, konnte man in Himbeeren noch Ma­den jagen. Chemie. Klon-Blitze. Blitz. Tod wird uns alle erwi­schen.
1945. Ich habe gelernt: Tabus sind Wahrheiten mit beschränkter Haftung. Meine Mutter war ein Nazi, das darf wohl nicht verges­sen werden, im Land ohne Trauer, ohne Balken. Mütter, ein Leben im Unterbewußtsein. Literatur, die Realität, die Leben erhält. Die Literatur schlägt überall ein, keine Formulierung geht ver­loren, kleiner, großer Blitz. Kohls "blühende Landschaften" betteln dich an jeder Ecke an: "Bitte, 'nen Euro", der Fort­schritt der Armen besitzt immer Witz. Theodor Pliviers "Stalingrad", unvergessen. Gewiß, die ganze Li­teratur, ein Blitz, denn "es gibt keine Kunst ohne Sinnlich­keit, es gibt keine abstrakte Kunst, ... die Kunst ist konkre­ter als das Le­ben!", notierte Heimito von Doderer. Und das Böse sitzt über­all, vor allem natürlich in den idyllischen Landhäu­sern, den vornehmen Salons, in den wiederauferstandenen Ehe­hälften, den hochwohlgeborenen Ehebrecherinnen der ganzen, großen viktoria­nischen Literatur. Nichts ist größer als das Empire, im Jahr der Aufgabe Indiens, im Nachklapp letztendlich nun Hong­kongs. Es

sind die Blitze, die Literatur machen. Miguel de Cervantes,
bei Lepanto in die Gefangenschaft maurischer Seeräu­ber geraten, begann hier seinen Roman "Don Quijote". Heute hängt der Don, samt Knappen und Windmühlen, im Wartezimmer deines Zahnarztes. Ich beharre darauf, mein Blitz kam aus dem Zei­tungsroman, mit Hilfe sowjetischer Offiziere: "Stalingrad". Plivier, dein Atem.

Ich mußte schreiben, sa­gen, was war, was ist. Wenn ich schon belogen werde, dann ge­hört die Lüge aufs Papier. Trauer muß Elektra tragen. Beim Gewitter legt man sich besser flach hin. Pliviers Blitze, jeden Tag neu, nach dem letzten Krieg in die­sem Land, in der "Täglichen Rundschau". 1945, mein Leben be­gann. Die Welt, eine unendliche Geschichte, aus einem Blitz.


Die Faust in der Seele: Schreib!

Ja, ich wollte ein ganz normaler, ein ordentlicher Mensch werden, wie Eltern es sich so wünschen. Ich wollte Häuser, Schwimmbäder, Talsperren bauen, wie mein Lieblingsgroßvater, der Vater meiner Mutter. Und dann musste ich plötzlich nachts das Gedicht "Winter" an die Tapete meiner Mansarde in Maintal-Hochstadt schreiben. Ein Wintergedicht, in einer anderen Jahreszeit geschrieben, als ob ich gespürt hätte, dass man Abstand braucht, wie die Kunst es verlangt.

Größenwahnsinnig, wie Dichter sind, schickte ich dieses Gedicht zur "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", und mein Leben als Schriftsteller begann wohl, als es auf der ersten Feuilletonseite oben rechts erschien, dort, wo man heute täglich die Feuilletonglosse findet. Früher hatte nämlich die Primärliteratur den Vortritt. Karl Korn hatte mein Gedicht gedruckt. Er wurde für eine Weile mein Vater. Und alle, alle Zeitungen druckten damals Gedichte, heute tun das nur noch ganze fünf im deutschen Sprachraum. Ich konnte also seinerzeit fast von Gedichten leben, wie Ernst Kreuder in Darmstadt von seinen Geschichten. Er steckte auf einer Deutschlandkarte mit bunten Fähnchen die bereits in den Zeitungen verschiedener Städte erschienenen Geschichten ab. Keine Fähnchen für Truppenbewegungen auf Generalstabskarten wie zuvor: Kreuders

"Gesellschaft vom Dachboden" war jetzt unterwegs. Als bei Gottschalks "Wetten, dass" neulich ein Vater mit seinem Sohn erraten konnte, welcher Dichter es war, der welches Gedicht geschrieben hatte, wurden sie Wettkönige. Ernst Kreuder bekam den Georg-Büchner-Preis.

Als mich 1971 Richard Salis für den Tübinger Horst Erdmann Verlag einlud, in einer Sammlung deutscher Schriftsteller von Alfred Andersch bis Gerhard Zwerenz, "Motive, Selbstdarstellungen deutscher Autoren", mitzuarbeiten, also über die Beweggründe, den Impuls meines Schreibens nachzudenken, war ich das erste Mal gezwungen, dies bewusst zu tun. Gewiss, ich hatte vorher in einer Sendung für Radio Bremen meinen Gedicht-Zyklus "Verspielt" interpretiert und hatte mir und anderen klargemacht: Was habe ich da geschrieben?, was ist geschehen mit Worten, Sätzen?, was bewirkt das Gedicht? Doch jetzt ging es um die Motive meines Schreibens.

Meinen Beitrag für Salis' Anthologie nannte ich "Von den Pimpfen zum PEN". Heute, fünfunddreißig Jahre später, sehe ich: Was ich damals schrieb, gilt weiter, treibt mich weiter an.

"Von den Pimpfen zum PEN", das war 1971 als Titel, als Motto eine Provokation, denn natürlich hatten alle, fast alle

Deutschen ihr Leben im Dritten Reich verdrängt. Nur, sechs Millionen NSDAP-Mitglieder, das hatte auch Günter Grass seinerzeit angemerkt, sie waren ja nicht einfach verschwunden. Kein Soldat wollte und konnte darüber sprechen, was geschehen war. Jeder Krieg ist die Hölle, er zeigt, der Mensch ist stets ganz schnell ein Tier. "Die Bestie Mensch", wie 1939 Jean Renoir seinen Film nach Emile Zolas Roman "Der Totschläger" nannte, mit Jean Gabin in der Hauptrolle. Zivilisation im Krieg ist nur noch Tünche. Jeder wohnt in seiner Angst. Täglich. Jeder Krieg erzeugt ein Meer an Angst. Sie krallt sich fest, der Widerhaken, der bleibt, denn die Seele, sie vergisst nichts. Niemand, fast niemand kann seinen Kindern, den Enkeln, den Freunden ehrlich, also wahrheitsgemäß, authentisch und unverfälscht, davon berichten, erzählen, wie es war, was er selbst gemacht, was er empfunden hat, denn in den besten Fällen verschließt schon die Scham die Lippen: Ich war dabei, ich habe weggesehen. Und erst die viel diskutierte Ausstellung "Vernichtungskrieg. Die Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung eröffnete ab 1996 die Möglichkeiten, das Gespräch, die Aufarbeitung des Dritten Reichs in Bezug auf die deutschen Soldaten noch einmal neu zu beginnen, mehr als fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

Trauer und Wut halten das Leben zusammen. Ich hatte nichts vergessen, nichts verdrängen können, alles war da. Ich hatte

mit zehn Jahren, wie jeder Deutsche, Pimpf im Jungvolk der Hitlerjugend werden müssen. Also war ich bei Kriegsende 1945 fast zwei Jahre Pimpf gewesen. Nur, auch Schriftsteller wollten vergessen. Sie schrieben sich in den fünfziger Jahren die Finger wund: "Die Geschlagenen" und "Sie fielen aus Gottes Hand" hießen Hans Werner Richters erste Romane. Sie hatten im Krieg gesteckt, und nur eine Handvoll namhafter Schriftsteller war zwischen 1939 und 1945 desertiert, übrigens auch Andersch und Zwerenz, die 1971 zufällig die Auswahl Richard Salis' beginnen beziehungsweise beenden.

2006 bekannte Günter Grass in seiner Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel" erstmals: Ich war in der Waffen-SS-Division "Frundsberg" und kein Flakhelfer. Hat er verdrängt, um überleben zu können? Ein Interview Ulrich Wickerts in der ARD mit Günter Grass zeigte: Er weiß nicht, warum er 61 Jahre verschwiegen hat, dass er in der Waffen SS war. Selbst Sigmund Freud konnte wohl nicht sein eigenes Unterbewusstsein bis zur Neige erkennen, es wäre sein spannendstes Buch geworden, und wir wollen hier nicht untersuchen, ob er erschrocken gewesen wäre, was in der Ausführung sicher ein interessantes Romanthema wäre. Die Diskussionen um Grass' langes Schweigen werden noch eine Weile anhalten. Der Bedeutung seiner Literatur tut sein Verschweigen keinen Abbruch, seine Gedichte aus den "Vorzügen der Windhühner" und dem "Gleisdreieck" werden bleiben, sie sind schon unterwegs zur Arche Noah.

Interessant ist, daß keiner der vielen Grass-Biographen, keiner der vielen Journalisten, die über Grass geschrieben haben, überprüften, was Grass bis 1945 gemacht hatte. Das US-Archiv in Berlin und später die Wehrmachtsauskunftsstelle standen jedem offen, und dort fand man bei Grass' Gefangennahme und bei seiner Entlassung zweimal von ihm selbst eingetragen: "Schütze in der Waffen-SS-Division 'Frundsberg'".

"Von den Pimpfen zum PEN", das sollte damals natürlich auch heißen, von der Enge der Hitlerjugend, des Dritten Reichs, zur einzigen weltumfassenden Schriftstellervereinigung, dem PEN-Club, der Poets, Essayists, Novellists vereinigt, dessen wichtigste Aufgabe aber die Unterstützung der "writers in prison", aller verfolgten, gefangenen, gefolterten Schriftsteller und Journalisten, ist. "Von den Pimpfen zum PEN", ich wusste 1971, ich war Pimpf gewesen. Trauer und Wut halten das Leben zusammen, Trauer und Wut schreiben Literatur. Die Faust in der Seele, die nichts vergisst.

Es gibt keinen Zwang zum Publizieren, nur einen Zwang zum Schreiben, sagte Hilde Domin einmal. Und Eva Demski weiß: "ES schreibt." Das hört sich an, als wäre es genialisch, doch es ist einfach nur unerklärlich, wie Kunst, wie Literatur entsteht, wie in der Freiheit, der Anarchie die Ästhetik aufbricht. Als Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts Hans Bender für seine Anthologie "Mein Gedicht ist mein Messer" die deutschen Dichter

einlud, zu erklären, wie ihre Gedichte entstanden, weigerten sich Paul Celan und Günter Eich. Sie antworteten, sie wollten ihre Gedichte mit diesem Nachdenken, nicht zerstören. Ich war damals als junger Autor sehr enttäuscht, denn ich hätte es gern von ihnen erfahren, doch sie hatten Recht. Literatur bleibt für alle Zeit ein ästhetisches Phänomen. Im Entstehungsprozess partizipiert der Dichter vom Wissen der Philosophie, der Geschichte, der Soziologie, der Psychoanalyse u.a., und er sitzt - im besten Fall - mitten unter den Menschen, er ist deren Stimme. Doch wie Literatur entsteht, das entzieht sich unserem Wissen. Im Unterbewusstsein ruht die Kunst, sie schläft nicht, ja, sie entsteht während des Schlafs. ES schreibt im Dichter ja immer weiter. Trauer und Wut. Die Faust in der Seele: Schreib!

Gefragt, warum ich schreibe, konnte auch ich 1971 nur die bewussten Motive nennen. Sie gelten weiter, denn aus der Geschichte kann niemand aussteigen. Es ist stets die Frage, wie wir mit der Geschichte umgehen, uns ihr stellen, wie wir sie in die Gegenwart aufnehmen. Wut und Trauer erhalten die Identität. Die Faust in der Seele: Schreib!

Von den Pimpfen zum PEN

Was kann ein Schriftsteller erreichen? Er hofft auf Selbstdarstellung, Einwirkungen, Veränderungen. Doch sind seine

Motive in der jeweiligen Gesellschaft realisierbar? Zwischen dem Motiv zum Schreiben und dem Realitätsprinzip bestehen Zusammenhänge. Motive können nicht statisch sein, sie müssen immer wieder neu formuliert, präzisiert werden: der Versuch, etwas auszuprobieren. Warum schreibe ich? Warum publiziere ich Lyrik, Prosa? Ein bestimmter Anstoß, ein entscheidendes Erlebnis entfällt. Eine Summe von äußeren Einwirkungen, von Überlegungen gingen voraus:

1945, amerikanische, russische Soldaten kamen nach Thüringen. Ich war elf Jahre alt. In der "Täglichen Rundschau" las ich Theodor Pliviers "Stalingrad". Ich las wenig später Georgi Dimitrows Aufzeichnungen über den Reichstagsbrandprozess, eine Broschüre über das KZ Buchenwald, die Protokolle über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. In der Schule beteiligten wir uns an einem Wettbewerb: Nie wieder Krieg.

Mein Vater war inzwischen wieder Lehrer in seiner Heimat: Hessen. Ich war im Jugendrotkreuz, Mitglied im Jugendring, im Jugendausschuss. Meine ersten Artikel und Gedichte erschienen 1952.

Wenig später lernte ich V.O.Stomps kennen. Er druckte meine ersten drei Bücher. Wir arbeiteten eine Zeitlang in der Eremiten-Presse zusammen, ich redigierte die Streit-Zeit-

Schrift. Ich gab die Gedichte und Erzählungen der Nachkriegsautoren heraus.

Was bewirkt Literatur? Um darüber zu diskutieren, trafen sich 1966 und 1967 in Frankfurt jeweils 140 Autoren aus fünfzehn Ländern West- und Osteuropas. Das Treffen hieß: Frankfurter Forum für Literatur. Als Initiator des Frankfurter Forums versuchte ich, Literatur "auf die Straße" zu bringen. In Fabrikhallen, in der Schalterhalle einer Bank, auf die Baustelle des U-Bahnhofs Hauptwache: Dort und an anderen öffentlichen Plätzen waren Lesungen und Diskussionen.

Literatur ist Aktion. Ich setzte mich in eine Straßenbahn, las dort; arbeitete mit einigen hundert Menschen in einem Mainzer Museum an einem politischen Gemeinschaftsgedicht.
Welche Überlegungen gibt es für einen Autor heute?

1. Wann ist Literatur nur Stimulans, Kommunikationsersatz?
2. Wie viel Informationen vermittelt Literatur?
3. Wann dient Literatur der Durchleuchtung der gesellschaftlichen Rollen, der Ich-Strukturen?
4. Wann ist Literatur Lernen in loser Form, Erfahrungshorizont für das Wissen der Psychologie, Soziologie, Philosophie?
5. Übernimmt Literatur eine Überbaufunktion in der Gesellschaft?
6. Bestätigt Literatur den konventionellen Kunstkonsumenten in seiner Passivität?

Für mich als Autor ist es wichtig, den Helden zu vermeiden, dessen Schicksal nur privat ist: Kontaktmaterial anstatt Leitbilder.

Die Faust in der Seele: Schreib! 1971 wie heute.